Nachdem sie nicht mehr auf Gold tanzen kann, ergreift die Therme Loipersdorf mit 8 Millionen die Flucht nach vorne
Die Therme Loipersdorf in der Südoststeiermark geht in die Offensive. Nachdem der Besucherrückgang der letzten Jahre von rund 800.000 auf 600.000 abgefangen werden konnte – 2008 gab es erstmals wieder ein leichtes Plus auf fast 630.000 Gäste – und das Land Steiermark heuer im Frühjahr im Hinblick auf die Neuordnung der Eigentümerstruktur aushaftende Verbindlichkeiten stundete (bzw. auf rund 1,3 Millionen Euro an Grundstücksablösen verzichtete), erfolgten jetzt entsprechende Weichenstellungen.
So erhält die Therme nicht nur einen zweiten Geschäftsführer, sondern steht auch am Beginn eines weiteren, acht Millionen Euro schweren Investitionsprogramms. Dabei geht es einerseits um noch mehr Luxus im Schaffelbad, andererseits um Neuerungen im Jugend- und Familienbereich. Hier denkt man an eine Rutschen- und Wasserwelt für die ganze Familie. Für Hans Urschler, Bürgermeister von Großwilfersdorf und Sprecher der an der Therme beteiligten Gemeinden, steht die Notwendigkeit der Offensive außer Zweifel: „Wir tanzen alle nicht mehr auf Gold. Loipersdorf muss kräftig investieren, um bei diesem übersättigten Markt bestehen zu können.“
Die Konkurrenzsituation im Steirischen Thermenland – und nicht nur hier (siehe Kasten) – ist hoch. Die Therme Loipersdorf, – sie zählt mit einer Wasserfläche von 4.200 Quadratmetern zu einer der großzügigsten Thermen Mitteleuropas –, muss sich den regionalen Kuchen mit fünf weiteren Anlagen teilen. Die Heiltherme Bad Waltersdorf etwa bringt es auf eine Wasserfläche von ca. 4.000 Quadratmetern plus 25.000 Quadratmeter Wellnesslandschaft mit sieben Thermalbade- und Schwimmbecken (rund 140.000 Besucher jährlich). Dazu kommen die Parktherme Bad Radkersburg („Therme der Bewegung“, Wasserfläche: 2.640 Quadratmeter; knapp 400.000 Jahresgäste), die Rogner Therme Bad Blumau (Wasserfläche: 2.724 Quadratmeter, Innen- und Außenthermalwasserbecken werden aus zwei völlig unterschiedlichen Quellen gespeist; um die 70.000 Besucher), die auf 175 Jahre Tradition zurückgreifende Therme Bad Gleichenberg (präventive und regenerative Spitzenmedizin; Wasserfläche Heilbad: 2.500 Quadratmeter) sowie seit 2005 die H2O Therme in Sebersdorf/Bad Waltersdorf (Wasserfläche ca. 1.100 Quadratmeter, um die 170.000 Besucher pro Jahr).
Die Wurzeln der Therme Loipersdorf reichen bis in die frühen 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück, als bei einer Erdölbohrung in 1.100 Metern Tiefe 62 Grad heißes Wasser mit hoher Mineralisierung und Heilwirkung gefunden wurde. Sechs Jahre später wurde das „Schaffelbad“ mit zunächst 70 Quadratmetern Wasserfläche, Sauna und Kleingastronomie eröffnet.
Zwei Jahrzehnte später entstand dort um 12 Mio. Euro das neue „Schaffelbad“ mit einer 1.300 Quadratmeter großen Saunalandschaft sowie einem Wellness-Bereich. 2002 kam das Thermenland Congress Center dazu, im selben Jahr wurde die Therme privatisiert. Seither halten 51 Prozent der Anteile einige oststeirischen Gemeinden, den Rest private Investoren (der Verkaufserlös für das Land, das im Laufe der Zeit 34,7 Mio. Euro investiert hatte, lag bei 23,9 Mio. Euro).
Seit 2008 fungiert Peter Kospach als Geschäftsführer. Der Sportwissenschaftler war zuvor als Unternehmensberater tätig sowie seit 1990 Geschäftsführer der Thermengolfanlage in Loipersdorf. Mit Wolfgang Wieser, langjähriger Geschäftsführer Bahlsen Südeuropa, erhält er nun einen Partner in der Unternehmensleitung, der ab Ende Jänner 2010 für die Umsetzung der geplanten Neuerungen verantwortlich zeichnen wird.
Thermen-Kannibalismus schwarz auf weiß
Das Marktforschungsinstitut Kreutzer Fischer & Partner (KFP) erstellt jedes Jahr eine Analyse der Thermen-Situation in Österreich. Laut jüngster Studie, die heuer im Frühjahr publiziert wurde, wurden im Vorjahr bundesweit 7,6 Mio. Eintritte (plus 2,6 Prozent gegenüber 2007) gezählt. Dem Besucherwachstum von rund 200.000 standen um 400.000 Tagesgäste gewachsene Kapazitäten gegenüber.
Je nach Standort rekrutieren demnach die neuen Thermen bis zur Hälfte der Besucher von bestehenden Anlagen in der Region. Besonders schlimm, so KFP, ist die Situation in der steirisch/burgenländischen Thermenregion. Fast alle Betriebe meldeten 2008 laut KFP Rückläufe.
2010 wird mit der heuer in Betrieb gehenden St. Martins-Therme im Seewinkel und mit der neuen Therme Wien eine zusätzliche Kapazität für 600.000 Tagesgäste auf den Markt kommen. Für heuer rechnet KFP mit 7,7 Mio. Eintritten (plus 1,9 Prozent), 2010 soll die Zahl auf 8,1 Mio. ansteigen (plus 5,4 Prozent) – um 200.000 zu wenig.
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