Der Alte
Da rollt ein fast 93-jähriger Kettenraucher zum Mikrofon und lässt binnen Minuten vergessen, dass ein, wie er selbst sagt, „alter Mann“ uns seine Meinung sagt. Der Jugendwahn hat kurze Pause und wir müssen feststellen, dass einer, Jahrgang 1918, uns mehr zum Denken anregt, als ein Rudel amtierender Politiker.
In einer fulminanten Rede für Europa mit standing ovations erinnerte der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt an den Grundgedanken dieser europäischen Idee.
Sein „Heutzutage sind die konfigierenden territorialen Ansprüche, die Sprach- und Grenzkonflikte, die noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Bewusstsein der Nationen eine sehr große Rolle gespielt haben, de facto weitgehend bedeutungslos geworden“ holt uns wieder auf den Boden der Realität und des Grundgedankens eines vereinigten Europas zurück.
Er erinnert an das Überaltern aller europäischen Nationen und dass in der Mitte des 21. Jahrhunderts die europäischen Nationen zusammen nur noch 7 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen werden.
Der phänomenale Aufstieg Chinas, Indiens, Brasiliens und anderer „Schwellenländer“, früher schlicht „Dritte Welt“ genannt, hat uns vor Augen geführt, wie schnell die Globalisierung und wirtschaftliche Abhängigkeit voran schreitet.
„Jede einzelne der europäischen Nationen wird 2050 nur noch einen Bruchteil von 1 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Das heißt: Wenn wir die Hoffnung haben wollen, dass wir Europäer eine Bedeutung für die Welt haben wollen, dann können wir das nur gemeinsam. Denn alle einzelnen Staaten – ob Frankreich, Italien, Deutschland oder Polen, Holland oder Dänemark oder Griechenland – kann man am Ende nicht mehr in Prozentzahlen, sondern nur noch in Promillezahlen messen.“
Dass der Euro zur zweitwichtigsten Währung der Weltwirtschaft geworden ist und bisher stabiler als der amerikanische Dollar, haben wir verdrängt oder vergessen.
Schmidt im Originalton: „Allerdings ist uns nicht ausreichend bewusst, dass unsere Wirtschaft in hohem Maße sowohl in den gemeinsamen europäischen Markt integriert als auch zugleich in hohem Maße globalisiert und damit von der Weltkonjunktur abhängig ist.“
„Gleichzeitig hat sich aber eine schwerwiegende Fehlentwicklung ergeben, nämlich anhaltende enorme Überschüsse unserer Handelsbilanz und unserer Leistungsbilanz. Die Überschüsse machen seit Jahren etwa 5 Prozent unseres Sozialproduktes aus. Sie sind ähnlich groß wie die Überschüsse Chinas. Das ist uns nicht bewusst, weil es sich nicht mehr in DM-Überschüssen niederschlägt, sondern in Euro. Es ist aber notwendig für unsere Politiker, sich dieses Umstandes bewusst zu sein.
Denn alle unsere Überschüsse sind in Wirklichkeit die Defizite der anderen. Die Forderungen, die wir an andere haben, sind deren Schulden. Es handelt sich um eine ärgerliche Verletzung des einstmals von uns zum gesetzlichen Ideal erhobenen „außenwirtschaftlichen Gleichgewichts“. Diese Verletzung muss unsere Partner beunruhigen.
Schmidt fordert Tatkraft bei der heutigen Lage der EU, warnt zugleich seine eigenen Landsleute vor ihrer Dominanz und fordert mehr Einfühlungsvermögen, weil das sehr schnell die Besorgnis der kleineren Staaten hervorrufen würde.
Man muss nicht in Allem seiner Meinung sein, aber so klare Worte würde man sich von den jetzt Handelnden wünschen. Weltsicht statt Einsicht in die Kleinkrämerei.


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