Berufsbilder hängen schief
Diese Übereinstimmung in der Einschätzung der Lage kommt aber schnell an ihre Grenzen, wenn es darum geht, wie der unbefriedigende Zustand geändert werden könnte. Ein Beispiel: „Es ist nicht einzusehen, warum ein italienisches Zwei-Hauben-Restaurant keine Kochlehrlinge ausbilden darf, nur weil Schnitzelpanieren im Lehrplan vorgeschrieben ist,“ brachte Bitzinger ein Problem der Ethnorestaurants auf den Punkt. Konter der Gewerkschaft: Wenn einer drei Jahre Pizza bäckt, lernt er nicht kochen. Vor allem die Hoteliervereinigung wünscht sich einen eigenen Lehrberuf für die Rezeption, wo die Ansprüche am meisten gewachsen sind. Ablehnungsgrund der Gewerkschaft: Die solide Ausbildung darf nicht in Schmalspurberufe aufgesplittert werden. Von Seiten der Wirtschaft wird ein Umbau der Lehrausbildung in ein vom Institut für Bildungsforschung ausgearbeitetes Modularsystem favorisiert: Nach einem einjährigen Grundmodul zur Vermittlung der Basiskenntnisse folgt ein zweijähriges Hauptmodul (z.B. Restaurantfachkraft, Hotel- und Gastgewerbeassistent etc.) und schließlich ein halbjähriges, frei wählbares Spezialmodul für ein Fachgebiet. Im Berufsausbildungsbeirat waren die Gewerkschaftsvertreter nicht einmal zu einem Gespräch darüber bereit. Begründung: Die Ausbildungszeit würde unnötig um ein halbes Jahr verlängert.
Hier wird das Problem deutlich: Alle wünschen sich eine Erweiterung der Lehrinhalte, und das stellt zwangsläufig die Ausbildungsdauer in Frage. Dabei geht es vor allem um Bereiche, die im Betrieb kaum vermittelbar sind. In der Mittelschule werden für Englisch etwa vier Wochenstunden aufgewendet, in der Berufsschule stehen in Wien neun Wochenstunden zur Verfügung – für den gesamten Lehrstoff. „Das geht sich jetzt schon nicht aus,“ erklärte Berufsschuldirektor Johannes Schwanter. Umso mehr, als Defizite der Grundschule aufgeholt werden müssen: „Den jungen Leuten fehlt vielfach das Grundwissen.“
Einer Verlängerung der Berufsschulzeit, die von der Gewerkschaft immer wieder gefordert wird, kann nicht zu Lasten der Zeit im Betrieb gehen. Abgesehen davon, dass dann eben dort die Zeit für eine fundierte Ausbildung zu knapp wird, sind die Lehrlinge selbstverständlich in den Arbeitsprozess integriert und die „Lehrlingsentschädigung“ wird, durchaus mit Recht, von der Gewerkschaft als Abgeltung der Arbeitsleistung eingestuft. Damit hat der Arbeitgeber aber auch Anspruch darauf. Aus der Endlosschleife, in der sich dieses Dilemma seit Jahren bewegt, kann nur ein neuer Denkansatz herausführen. Die Lehrlingsentschädigung könnte beispielsweise in ihrer derzeitigen Höhe auf die tatsächlich im Betrieb verbrachte Zeit umgelegt werden – wie ein Arbeitslohn, als der sie in Wirklichkeit ja auch verstanden wird. Mit dem Totschlagargument, dass eine Ausdehnung der Schulzeit dann „auf Kosten“ der Lehrlinge geht, sollte man vorsichtig umgehen: Eine deutliche Verbesserung der Ausbildung wird es zum Nulltarif nicht geben.
Die Veranstaltung der Wiener Tourismuswirtschaft hat auch erkennbar gemacht, wie dringend es ist, dass etwas weitergeht. In ihrem Rahmen wurden nicht nur die Lehrlinge vor den Vorhang gebeten, die ihre Abschlussprüfung mit Auszeichnung bestanden haben, sondern auch deren Lehrbetriebe. Fast alle kamen aus der Hotellerie – unter den 14 Hotelbetrieben waren nur zwei (Sacher und Schick-Hotels) keine Kettenbetriebe. Die Auszeichnung „Lehrbetrieb des Jahres“ ging an Hilton International Vienna. Die Hotelkonzerne haben inzwischen ihre
eigenen Ausbildungsprogramme, sie brauchen die duale Ausbildung nicht wirklich. Wenn es nicht gelingt, sie auf eine neue Basis zu stellen, wird es diese allseits gepriesene Ausbildungsform nicht mehr lange geben.


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