Ragge bringt alle in Rage
Alle gegen HRS – das findet nicht statt
Ein geplantes Timing hätte nicht besser funktionieren können: Die ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung) erhob bei ihrem Kongress in Schladming unter Hinweis auf die steigende Marktmacht und Kosten der Buchungsplattformen die Forderung nach dem Aufbau einer „nationalen“ Plattform. Nahezu zeitgleich teilte HRS – seit Übernahme von hotel.de im Oktober und Tiscover vor zwei Jahren im deutschsprachigen Raum Marktführer – seinen „Hotelpartnern“ mit, dass mit 1. März die Buchungskommission von 12 bzw.13 Prozent um rund ein Viertel auf 15 Prozent erhöht wird. Die Empörung in der Hotellerie ist entsprechend, nicht nur in Österreich, sondern fast noch mehr in Deutschland.
Dort auch deshalb, weil HRS-Chef Tobias Ragge die Erhöhung mit einer „Anpassung“ an das durchschnittliche Provisionsniveau am Markt argumentiert. Diese liege bei 14,85 Prozent – ermittelt in einer Studie der Hoteldirektoren-Vereinigung (HDV), die damit zeigen wollte, wie sehr die Hotellerie von den Buchungsportalen bereits geschröpft wird. Doch mit Veröffentlichung der Studie, die zur Anhebung der HRS-Provision führte, verpasste sie sich einen Schuss ins eigene Knie. HDV-Vorstand Alexander Aisenbrey bezeichnete Ragges Vorgehen als „Frechheit“, aber auch als „raffinierten Schachzug“.
HRS begründete die Provisionserhöhung mit Leistungssteigerungen: Es seien starke Vertriebspartner wie etwa Air Berlin, China Eastern oder die deutsche und die italienische Bahn gewonnen worden, die das gesamte HRS-Hotelportfolio auf ihren reichweitenstarken Portalen integriert und damit den Vertrieb um 30 Prozent ausgeweitet haben. Auch aufstrebende osteuropäische Märkte (vor allem Russland) würden erschlossen und durch eine strategische Partnerschaft mit Amadeus seien über dessen GDS-System nun auch alle HRS-Hotels über weltweit mehr als 91.000 Reisebüros und 65.000 Airlines-Verkaufsbüros buchbar, ohne zusätzliche Kosten.
Unkommentiert ließ HRS Änderungen in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB), von denen eine bei vielen Hoteliers heftiger kritisiert wird, als die Provisionserhöhung: Bisher mussten sich die Hoteliers nur verpflichten, über keinen anderen Internetkanal einen niedrigeren Preis als über HRS anzubieten, nun fällt die Begrenzung auf den Online-Vertrieb weg, die „Bestpreisgarantie“ schließt alle Vertriebskanäle ein, also auch Prospekte, Direktvertrieb etc., und alle Vertriebspartner, auf deren Preisgestaltung der Hotelier oft nur einen begrenzten Einfluss hat.
Von den Interessenvertretungen der Hotellerie gab es auf die ohne Vorgespräche erfolgte Aktion von HRS zunächst keine Reaktion, die Proteste fanden vor allem in Internet-Blogs und in Fachmedien ihren Niederschlag. IHA-Hauptgeschäftsführer Markus Luthe wertete die Provisionserhöhung als „ersten Paukenschlag nach der Übernahme von hotel.de“. Sie sei nicht durch zusätzliche Leistungen zu begründen, die „Demonstration der Stärke“ sei vielmehr Ausdruck der marktbeherrschenden Stellung und folge den Gesetzen der Online-Distribution, „die die Hotellerie in den letzten Jahren einreißen ließ.“
Ein Versuch, eine Rücknahme der Erhöhung bzw. der problematischen „Bestpreisgarantie“ zu erzwingen, wurde rasch aufgegeben: Christoph
Biallas, Betreiber eines Online-Marketingunternehmens, hatte eine Facebook-Seite mit dem Aufruf zu einem Boykott in Form einer „HRS-freien Woche“ eingerichtet. Diese fand mit rund 800 blitzschnell erfolgten Unterstützungszusagen zwar regen Zuspruch, verschwand aber nach wenigen Tagen aus dem Netz – die Sache sei ihm „zu heiß“ geworden, erklärte Biallas als Begründung.
Auch die ÖHV, deren Präsidenten Peter Peer und Sepp Schellhorn unter dem Motto „Das lassen wir uns nicht gefallen“ zunächst eine Beteiligung am Boykott empfohlen hatten, ist auf eine „Versachlichung der Diskussion“ eingeschwenkt. Man will keine Klage wegen Geschäftsstörung riskieren, rechtlich sei die Vorgangsweise von HRS kaum angreifbar. ÖHV und Kammer erwägen zwar eine wettbewerbs- bzw. kartellrechtliche Prüfung, allerdings mit gebremsten Erwartungen.
Die ÖHV setzt vor allem auf ein Verstärken des Verkaufes über die hoteleigenen Websites, der Fachverband Hotellerie empfiehlt seinen Mitgliedern, die Preishoheit nicht aus der Hand zu geben und aktiv zu kontrollieren, zu welchen Preisen ihre Zimmer über die verschiedenen Vertriebskanäle angeboten werden. Es gebe dafür bereits ein Internet-Tool, das dies auf einfache Weise ermöglicht.
Susanne Kraus-Winkler, die neben ihrer Funktion als stellvertretende Obfrau des Fachverbandes auch Vizepräsidentin der Hotrec ist, kündigte (ebenfalls in einem Internet-Blog) an, sie werde das Thema auf die Tagesordnung der Vorstandsitzung der europäischen Hotel- und Restaurantvereinigung Ende Februar bringen. Es gehe dabei nicht um streiken und jammern, sondern um neue Ideen: Ein Geschäftsmodell, das auf Billigpreise fixiert ist, sei brandgefährlich. Es reduziere die Erträge bis an die Überlebensgrenze.
Optimierte Geldmaschine HRS
Das von Robert Ragge 1972 als Reisebüro in Köln gegründete Unternehmen HRS (Vermittlung von Hotelbetten, eigenes Reservierungssystem, 400-seitiges internationales Hotelverzeichnis) startete 1996 als Online-Portal durch. Die Datenbank greift auf rund 255.000 Unterkünfte in über 180 Ländern zurück, verfügt über 1,5 Mio. Hotelbewertungen und zählt 66 Millionen Besucher pro Jahr. Seit Übernahme von hotel.de verfügt HRS in Deutschland über einen Marktanteil von über 60 Prozent, was kartellrechtlich ohne Relevanz ist, da der kumulierte Umsatz weit unter 500 Mio. Euro liegt – zuletzt waren es etwa 100 Mio. Euro, die zu 64,2 Prozent in Deutschland und zu 35,8 Prozent im Ausland erwirtschaftet wurden. Die Vorsteuer-Rendite lag dabei bei rund 30 Prozent.
Der Umsatz der übernommenen hotel.de 2010 betrug 36,2 Mio. Euro. In den ersten neun Monaten 2011 ist das Netto-Buchungsvolumen um 14,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen.


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