Aufstand gegen die Online Travel Agents

Selten zuvor hat ein Thema die Gemüter der Tourismusbranche in Österreich und Deutschland dermaßen erhitzt, wie die vom Hotelbuchungsportal HRS Mitte Jänner für März angekündigte Provisionserhöhung von 13 auf 15 Prozent sowie die Ausdehnung der von den Hoteliers verlangten Preisgarantie auf alle Vertriebskanäle. Die Reaktionen sind heftig, wie die zahlreichen Leserreaktionen auf die T.A.I.-Berichte zeigen (siehe Forum auf Seite 4). Sie kommen auch von Seiten der Incoming-Reisebüros. Hannes Winkler, Geschäftsführer von Travel Partner Reisen, spricht bezüglich der Buchungsportale sogar von einer „kannibalischen Business-Idee“. Damit erhält die von der ÖHV (Österreichische Hoteliervereinigung) aufgegriffene Problematik über die Buchungsplattformen/Online Travel Agents (OTAs) eine neue Dynamik, wobei generell deren Rolle und Marktmacht zur Diskussion gestellt werden. Die ÖHV kündigte am Dienstag dieser Woche an, die Wettbewerbsbehörde mit einer Untersuchung zu beauftragen.
ÖHV-Generalsekretär Thomas Reisenzahn: „Grundsätzlich stellen wir eine Einschränkung des Wettbewerbs fest, und dies Abseits von Kommissionserhöhungen. Die neu publizierten Änderungen der AGB (Allgemeine Geschäftsbedingungen) der OTAs fallen auch zu Lasten der Gäste aus. Einige dieser Änderungen bedeuten für den heimischen Tourismus, dass Raten-, Verfügbarkeits- und Konditionsparitäten festgelegt werden. Weiters werden Zahlungsbedingungen vorgegeben, Stornobedingungen festgelegt und zusätzlich der Hotel-Content zwischen den marktführenden Plattformen automatisch ausgetauscht.” Nachsatz: „Dagegen haben wir einfach etwas.” Und: „In anderen Branchen wurde schon gegen weniger offensichtliche Praktiken vorgegangen.“
Der Fachverband Hotellerie in der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) gibt sich diesbezüglich zahmer, doch auch für Obmann Klaus Ennemoser „stellen die geplanten Änderungen der AGB einen klaren Verstoß gegen die HOTREC-Richtlinie über ‚Eckpunkte fairen Verhaltens von Hotel- und Buchungsportalen‘ dar,” Der Fachverband sucht jetzt nach Wegen, die Marktmacht der OTAs wieder zurückzustutzen. Ennemoser: „In den USA und Deutschland gibt es bereits Internettools, die die Produkt- und Preishoheit des Hoteliers im Internet stärken und damit den Spieß wieder umdrehen. Der Fachverband Hotellerie führt mit solchen Anbietern Kooperationsgespräche.”
Von Seiten der Beherbergungsbetriebe wurde zwar der via Facebook angekündigte HRS-Boykott in der ersten März-Woche wieder abgeblasen, dafür wird die Liste der Kündigungen bei den OTAs – und zwar nicht nur bei HRS – immer länger. So löste Jakob Wrann Ende Jänner für seine beiden 4-Sterne Superior Hotels (Seehotel Europa in Velden am Wörthersee und Bergkristall in Lech am Arlberg) den Vertrag mit hotel.de. Begründung: „Durch die Kommissionserhöhung auf nunmehr 15 Prozent der gebuchten Hotelleistung (Halbpension inkl. sämtlicher Steuern und Abgaben) sind wir als Ferienhotel nicht mehr in der Lage, einen wirtschaftlich vertretbaren Erlös aus den über Ihr Portal getätigten Übernachtungen zu generieren.“
Selbst die Landesvorsitzende der ÖHV in Wien, Michaela Reitterer, kündigte am Dienstag T.A.I. gegenüber an, dass sie ab 1. März keine Zimmer mehr bei HRS einstellen wird. Wegstecken könne sie das locker: „Ich habe heute schon mehr Buchungen über die eigene Website als über alle Plattformen zusammen und werde diesen Weg weiterhin forcieren.“
Bezüglich Wien ist die Situation übrigens besonders interessant: HRS ist die exklusive Buchungsplattform über die Website des WienTourismus. Dort ändert sich laut Information von Tourismusdirektor Norbert Kettner übrigens bezüglich HRS-Buchungen, die über die Wien-Info-Seite kommen, nichts, d.h. die Provision bleibt gleich.
Gerti Gruber, Pension Gruber in Bad Gastein, kündigte gleich alle OTA-Verträge (neben HRS auch Expedia und booking.com). Begründung: „Ich finde die Hammermethode von HRS nicht akzeptabel und bin nicht bereit, mich jeder Regel zu beugen, die diktiert wird.“
Angreifbar sind die OTAs allemal. Eine interessante Aufschlüsselung dazu liefert die Analyse der Distributionskanäle der Schweizer Hotellerie, die jener von Österreich ähnlich sein dürfte. Demnach erfolgen aktuell 30 Prozent aller Buchungen über Telefon, Fax, Brief oder Walk-Ins. Mehr als ein Viertel der Buchungen kommen per E-Mail und rund 15 Prozent über die Hotel eigenen Websites (mittels Res-Formular oder Echtzeitbuchung). Das sind zusammen mehr als 70 Prozent.
Dem stehen 13,6 Prozent Buchungen über die OTAs gegenüber. Das ist zwar nicht wenig, aber auch bei weitem keine Dominanz. Vor allem die Ferienhotellerie sollte in der Lage sein, den Anteil der OTA-Buchungen andere Kanäle zu kompensieren. Am wenigsten übrigens durch GDS (Global Distribution Systems): deren Anbindung führte HRS (in diesem Fall an Amadeus) als einen der Gründe für die Provisionserhöhung an. Doch alle zusammen bringen es lediglich auf 1,4 Prozent Buchungsanteil.
Und wie steht Tobias Ragge, Chef von HRS, der die Protest-Lawine ausgelöst hat, der Sache gegenüber? T.A.I. hat ihm sieben scharfe Fragen gestellt. Mehr dazu unter: "'Haben nicht ausreichend das Gespräch gesucht'"


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