Tunesien startet „Aktion Gästerückholung“
Großangelegte Offensive soll helfen, das Steuer wieder herumzureißen – Tourismuskonferenz mit Teilnahme der Regierungsspitze setzte den Anfang
Etwas mehr als ein Jahr nachdem Tunesien durch die „Jasmin-Revolution“ (benannt nach der Nationalblume des Landes) seinen verhassten Diktator Ben Ali gestürzt und damit den Anstoß zum Arabischen Frühling gegeben hat, veranstaltete das Tunisian National Tourist Office unter Leitung von Gen. Dir Habib Ammar Anfang Februar 2012 in Gammarth bei Tunis einen Kongress mit zahlreichen Repräsentanten der neuen Regierung sowie hochrangigen in- und ausländischen Vertretern der Tourismusbranche und Fachjournalisten aus mehr als 20 Ländern der Welt. Ziel der Veranstaltung war es, „das Bekenntnis des Landes zum Tourismus zu erneuern und Maßnahmen zu präsentieren“, mit denen dieser für Tunesien wichtige Wirtschaftszweig wieder zu seiner alten Stärke zurückführen kann. Der Kampf um Freiheit und Demokratie hatte bekanntlich einen hohen touristischen Preis gefordert: Tunesien musste 2011 einen Rückgang von mehr als 40 Prozent gegenüber 2010 verkraften und die derzeitige Lage ist – so Habib Ammar – nach wie vor „dramatisch“.
An dem Kongress Anfang Februar nahmen über 500 geladene Gäste teil. Er stand unter dem Motto „3.000 Jahre Geschichte, 50 Jahre Tourismus und 1 Jahr Demokratie in Tunesien“. Die Eröffnung nahm Premierminister Hamadi Jebali persönlich vor: „Wir haben dieses Treffen absichtlich so früh im Jahr angesetzt, damit für alle noch genügend Zeit ist, Tunesien wieder international als ein tolles Reise- und Urlaubsland zu präsentieren.“ Gleichzeitig hob er die extreme Anhebung des Werbe- und Marketingbudgets hervor: „Wir haben es für 2012 im Vergleich zu 2010 verdoppelt.“
Laut Tourismusminister Elyes Fakhfakh beläuft sich das internationale Promotion-Budget heuer auf umgerechnet 32,67 Mio. Euro. Dieser freute sich zwar über die Erhöhung, gab jedoch zu bedenken, dass Marokko oder die Türkei „ein Vielfaches davon“ für ihre Tourismuswerbung zur Verfügung hätten.
Außenminister Rafik Ben Abdessalem, Kulturminister Mehdi Mabrouk, der Präsident des Tunesischen Hotelverbandes Mohamed Belajouza sowie der Präsident des Tunesischen Reisebüroverbandes Mohames Ali Toumi beschrieben bei dem Kongress die Vorhaben und Aktivitäten, die bereits begonnen wurden oder bald gestartet werden. Die Maßnahmen reichen von der Verbesserung der touristischen Infrastruktur bis hin zur weiteren Anhebung des Ausbildungsniveaus. Investieren will man zudem in Qualität, in die kulturelle Identität und Vielfalt des Landes sowie in eine verstärkte Bearbeitung des osteuropäischen Marktes wie auch der Überseeregionen.
Im Bereich der Luftfahrt soll der Zugang für ausländische Charterfluglinien und Low Cost Airlines erleichtert werden, auch der Ausbau und eine Serviceverbesserung der staatlichen Tunisair sind hier Eckpfeiler.
Unter den Teilnehmern der Tagung befanden sich die wichtigsten Reiseveranstalter, wie die TUI AG mit Vorstandsvorsitzendem Michael Frenzel, Look Voyages, Thomas Cook, Club Méditerranée, FTI, Rewe Touristik, Alpi Tours, TUI Travel, Tunisia First, Just Sushine, aber auch nationale und internationale Reiseverbände, Reiseagenturen, zahlreiche Botschafter, Vertreter der Tunesischen Wirtschaftskammer und viele Direktoren des Fremdenverkehrsamtes im Ausland. Die österreichische Delegation setzte sich aus dem Vorstandssprecher von TUI Österreich, Josef Peterleithner, dem Generalsekretär des ÖRV (Österreichischer Reisebüroverband) Walter Säckl, dem österreichischen Botschafter in Tunis Johann Fröhlich, dem Direktor des Tunesischen FV-Amtes in Wien Mohamed Boujdaria sowie zwei Fachjournalisten zusammen.
Ob und wie sich der Tourismus Tunesiens 2012 entwickeln wird, steht noch in den Sternen. Habib Ammar, Chef des Tunesischen Fremdenverkehrsamtes, gibt sich diesbezüglich keinen Illusionen hin: „Die Aussichten, sowohl kurz- als auch mittelfristig, sind unsicher.“ Mit entscheidend werden die weiteren Entwicklungen in Ägypten und Libyen sein.
Dramatische Talfahrt, Erholung lässt auf sich warten
Tunesiens Tourismus musste 2011 einen schmerzhaften Rückgang hinnehmen. Die Anzahl der Gästeankünfte sank um 30,7 Prozent auf 4,7 Millionen Touristen (im Jahr davor waren es 6 Millionen), die Zahl der Übernachtungen ging um 40,3 Prozent auf 21,2 Millionen zurück. Aus den wichtigsten Quellmärkten Frankreich und Deutschland brachen zwei Fünftel des Aufkommens weg, aus Spanien sogar vier Fünftel. 17 Hotels schlitterten in die Pleite, 3.000 Arbeitsplätze gingen verloren, ebenso die früher üblichen rund 20.000 Saison-Jobs. Innerhalb der tunesischen Wirtschaft sorgte dies für einen Domino-Effekt.
Der Tourismus leistete vor der Jasmin-Revolution einen Beitrag zum BIP (Brutto Inlandsprodukt) in Höhe von 7 Prozent und gab rund 400.000 Menschen Arbeit (rund 12 Prozent aller tunesischen Arbeitsplätze).


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