• 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
Prev Next

Lion Air lehrt Luftfahrt das Fürchten

Größter Flugzeug-Kauf, Schwarze Listelionair_web

Als vorige Woche Emirates zum Auftakt der Dubai Air Show bei Boeing einen Auftrag über 50 weitere „Tripple Seven“ (plus 20 Optionen) mit einem Gesamtwert von 26 Mrd. Dollar platzierte – die bis dahin größte je platzierte Einzelbestellung der zivilen Luftfahrt – war die Airlines-Welt noch in Ordnung. Wenige Tage später geriet sie gehörig ins Wanken: keiner der klingenden Namen der zivilen Luftfahrt, sondern ein Nobody aus Indonesien, in Europa weiterhin mit Landeverbot belegt, orderte bei Boeing 230 Flugzeuge plus Option auf 150 weitere: der Low Cost Carrier Lion Air. Zwar keine B777-300ER, wie Emirates, sondern 201 Stück vom Typ B737 Max und 29 Boeing B737-900ER, wodurch die Gesamtsumme „nur“ 21,7 Mrd. Dollar ausmacht, aber von der Stückanzahl her stellt der Deal alles bisher Dagewesene in den Schatten und lenkt – abgesehen von Lion Airs unerfreulichem Sicherheitsstatus – die Aufmerksamkeit auf eine Region, die in Europas Tagesberichterstattung traditionell im Abseits steht, wirtschaftlich aber in einem Atemzug mit Indien, China und Brasilien genannt werden müsste: ASEAN.

Die Association of Southeast Asian Nations besteht insgesamt aus zehn Ländern (Indonesien, Malaysia, Philippinen, Singapur, Thailand, Brunei, Myanmar, Kambodscha, Laos und Vietnam) und kommt auf eine Bevölkerung von rund 600 Millionen Menschen, ca. 8,8 Prozent der Weltbevölkerung. Das BIP (Brutto Inlandsprodukt) der ASEAN-Länder erreichte im Vorjahr 1,8 Mrd. US-Dollar, ein Wert zwischen Italien (weltweit Nummer 8) und Indien (Nummer 9). Indonesien ist mit 695 Mrd. Dollar die größte ASEAN-Volkswirtschaft und mehr als doppelt so große wie die Nummer zwei der Region, Thailand (312 Mrd. US-Dollar). Die Wachstumsraten aller ASEAN-Länder zusammen kommen im Durchschnitt auf 6 Prozent pro Jahr, 2010 waren es sogar 7,3 Prozent.

Auch im Tourismus sind die ASEAN-Länder ein Big-Player. Im Jahr 2010 erreichten die internationalen Ankünfte in den zehn Staaten 73,67 Millionen, was Platz 2 hinter Frankreich (76,80 Millionen) bedeutet hätte. Der Zuwachs lag bei 12,16 Prozent. Selbst, wenn die Reisen innerhalb der Region abgezogen werden, ginge sich mit 38,85 Millionen internationalen Ankünften aus dem Rest der Welt (plus 14,32 Prozent) immer noch Platz 6 hinter Italien (43,63 Millionen) aus.

Lion Air – wie alle anderen Airlines aus Indonesien (mit Ausnahme von Garuda und fünf weiteren Carriern) Anfang dieser Woche weiterhin auf der Schwarzen Liste der EU aufscheinend – schickt sich an, mit dem Kauf der 230 bis 380 Flieger, die in den kommenden zwölf Jahren ausgeliefert werden (die „Max“ ab 2017), eine der größten Airlines der Region zu werden. Ob Hand in Hand damit auch die Sicherheit und Verlässlichkeit zunehmen wird, ist aber fraglich.

Schon jetzt bringt es die 1999 gegründete, zu 100 Prozent im Privatbesitz der Brüder Kusnan und Rusdi Kirana stehende Airline auf 67 Flugzeuge (vorwiegend Boeing 737, zwei Boeing 747-400 und vier MD-90). Im Vorjahr wurden damit 21 Millionen Passagiere befördert, heuer dürften es 27 Millionen werden. Das Unternehmen beschäftigt über 4.500 Mitarbeiter, der Ladefaktor liegt bei 90 Prozent.

Bereits vor dem Deal auf der Dubai Air Show standen die Zeichen mit 125 getätigten Orders (Boeing B737-900ER, Auslieferung ab 2012) weiter auf starker Expansion. Diese erfolgt künftig verstärkt auf internationalen Strecken, wie nach Japan, Südkorea, China und Taiwan.

Bisher sicherte sich Lion Air vor allem in Indonesien einen großen Teil am stark wachsenden Luftfahrt-Kuchen und ist dort mit 41,9 Prozent Marktführer vor Garuda Indonesia (19,1 Prozent Marktanteil) und Sriwijaya Air (15,9 Prozent). Es ist der zwölftgrößte Inlandsmarkt der Welt: die Zahl der Inlands-Passagiere des asiatischen Inselstaats kletterte 2010 um 22 Prozent auf 53 Millionen. Auf internationalen Flügen reisten im Vorjahr 9,6 Millionen Passagiere von und nach Indonesien, ein Plus von 20 Prozent.

Dieses gigantische Wachstum – es liegt auf dem fünffachen Wert der von der IATA (International Air Transport Association) prognostizierten weltweiten jährlichen Zunahme von 5 Prozent – ist aber lediglich ein Vorgeschmack dessen, was der Region ab 2015 ins Haus steht. Ab dann wird das Open-Skys-Projekt aller zehn ASEAN- Staaten umgesetzt. Wenn es komplett zum Tragen kommt, wird es jeder Airline der Region möglich sein, ohne jegliche Einschränkung Fracht- und Passagierflüge von jedem Flughafen aller Mitgliedsländer aus zu jedem anderen Airport im ASEAN-Raum durchzuführen.


Die Öffnung wird schrittweise erfolgen. So plant Indonesien anfänglich nur fünf seiner 30 wichtigsten Airports den Open-Skys zu unterstellen. Auch der Inlandsflugverkehr wird vorerst weiterhin nur indonesischen Airlines vorbehalten bleiben. Trotzdem ist mit einem weiteren Wachstumsschub zu rechnen, der vor allem durch günstigere Preise getragen sein wird. Ein Beispiel dafür lieferte die Liberalsierung der Flüge zwischen Singapur und Malaysia / Kuala Lumpur im Dezember 2008. Das Preisniveau eines Tour-Retour-Tickets auf den 45 Minuten kurzen Flügen sank danach inklusive aller Steuern und Taxen von 400 US-Dollar auf weniger als 100 Dollar. Das Passagiervolumen schnellte binnen Jahresfrist um 34 Prozent nach oben.

Größte Airline der Region ist Singapore Airlines (106 ausschließlich Großraumjets) mit einem Jahresumsatz von 10,957 Mrd. US-Dollar (weltweit Rang 18), vor Thai Airways (95 Flugzeuge; 5,822 Mrd. US-Dollar; weltweit Rang 23) und Malaysia Airlines (100 Flugzeuge; 4,237 Mrd. US-Dollar, Rang 35). Über Lion Air existieren keine Umsatz-Zahlen, der Hauptkonkurrent in Indonesien, Garuda, erwirtschaftet mit 77 Flugzeugen (darunter 62 Boeing B737) 2,027 Mrd. US-Dollar Umsatz und hält damit weltweit Rang 58.

An Flugzeug-Orders kann keiner von ihnen auch nur annähernd mit den insgesamt 355 fixen Bestellungen und 150 Optionen der Lion Air (allerdings keine einzige Langstreckenmaschine) mithalten. Sie wird also in den nächsten Jahren die Rangordnung der internationalen Luftfahrtszene gehörig durcheinander wirbeln. Lion Air-Chef Rusdi Kirana: „Unsere in Dubai erfolgte große Bestellung bei Boeing ist kein risikoreiches Gambling. Es ist vielmehr eine Wette auf Asien.“ Lesen Sie mehr über den Aufstieg der Brüder Kusnan und Rusdi Kirana unter: "Airline-Coup des Mr. Nobody aus dem Reisebüro"

Add comment

Diskutieren Sie mit auf TAI.at! Bitte halten Sie die Netiquette ein und diskutieren Sie sachlich und respektvoll.

Wenn Sie als Benutzer auf TAI.at registriert sind, werden Ihre Kommentare automatisch und umgehend freigeschalten. Kommentare nicht registrierter Benutzer werden vor Erscheinen geprüft.

Wir behalten uns vor, Postings mit Werbung, Spam, Verunglimpfungen, Beleidigungen, etc. zu löschen.

Security code
Refresh

Suche auf TAI.AT