Emissionshandel im Landeanflug auf die Börsen
Erste Käufe finden bereits statt – Marktvolumen der benötigten Zertifikate derzeit bei 710 Mio. Euro – China verweigert weiterhin die Teilnahme
Während die Auseinandersetzung vor allem zwischen der EU und China rund um die Einbeziehung der zivilen Luftfahrt in den Emissionshandel an Stärke zunimmt (China hat Anfang Februar seinen Fluggesellschaften die Beteiligung an dem seit Jahresanfang für die Luftfahrt geltenden Europäischen Emissionshandel ETS untersagt), kommt der Handel mit den European Aviation Allowances (EUAA) langsam in Schwung. Mit Jahresbeginn 2012 wurde der Luftverkehr bekanntlich in das europäische „Cap and Trade“-System für CO2 einbezogen. Airlines, welche Flughäfen innerhalb der EU ansteuern, sind zur Teilnahme verpflichtet. Für 2012 erhielten die Fluggesellschaften 85 Prozent ihres Bedarfs an benötigten European Aviation Allowances (EUAA) – das sind rund 182,56 Millionen Zertifikate – kostenlos zugeteilt. Die übrigen 15 Prozent werden versteigert. Sollte eine Minderdeckung vorliegen, haben Airlines die Möglichkeit, bis zu 15 Prozent ihres Gesamtbedarfs für 2012 mit ersteigerten EUAAs, oder bis zu einem bestimmten Anteil mit anderen Zertifikaten, aufzustocken.
Die Branche ist nach den Berechnungen von Luftfahrt-Experten für 2012 mit 56 Millionen EUAAs zu wenig ausgestattet. Die EU geht ihrerseits sogar von einer Unterversorgung im Ausmaß von rund 60 Millionen Zertifikaten aus. Wie dem auch sei, aufgrund des Wachstums in der Luftfahrt dürfte die kostenlose Zuteilung nicht 85 Prozent sondern nur 77 Prozent der Gesamtemissionen im laufenden Jahr abdecken.
Die Bemessung der zugeteilten gratis Zertifikate erfolgte aufgrund der Durchschnittswerte der Jahre 2004 bis 2006. In den kommenden Jahren wird die Unterversorgung auf bis zu 86,6 Millionen EUAAs steigen (nach derzeitigem Kurs rund 710 Mio. Euro Marktwert). Laut der britischen Unternehmensberatung RDC Aviation dürften Air France, Alitalia, American Airlines, British Airways, Delta, Iberia, Lufthansa, Ryanair, United Airlines und Virgin Atlantic am stärksten von der Unterausstattung betroffen sein. Einige Fluggesellschaften halten hingegen einen Überschuss. Für diese wird der Handel mit den EUAAs zum lukrativen Geschäft. Denn der hat bereits begonnen. Lufthansa eröffnete z.B. ein Konto bei der Leipziger European Energy Exchange EEX. Sie rechnet heuer für die gesamte Gruppe auf Basis der durchschnittlichen Zertifikatspreisentwicklung mit Zusatzbelastungen von voraussichtlich 130 Mio. Euro. Dem Vernehmen nach muss sie rund 35 Prozent der nötigen Zertifikate zukaufen, um das starke Wachstum der letzten Jahre abzudecken.
Air France wiederum erwarb Ende Jänner erstmals auf dem freien Markt über die Emissions-Börse BlueNext in Paris eine nicht näher genannte Anzahl an Zertifikaten. Die französische Airline hatte für 2012 dem ETS-Schema entsprechend ein Volumen von 12,6 Millionen Zertifikaten gratis zur Verfügung gestellt bekommen, rechnet aber heuer für ihre Flotte mit CO2-Emissionen in Höhe von 16 bis 17 Millionen Tonnen. Die Differenz von rund 4 Millionen European Aviation Allowances muss sie deshalb über die Börse erwerben. Andernfalls wäre für jedes fehlende EUAA Zertifikat eine Strafe von 100 Euro zu zahlen. Zum Vergleich: Anfang Februar lagen die Preise für ein Zertifikat bei etwas mehr als 8 Euro. Air France greift auch auf günstigere EU Allowances (EUAs) und Certified Emissions Reductions (CERs) zurück (siehe Kasten).
Zusammen mit KLM dürfte Air France heuer rund 30 Millionen Tonnen CO2 emittieren. Beide Airlines zusammen hatten Zertifikate für 23 Mio. Tonnen zugeteilt bekommen (Zur Info: zur Verbrennung von einer Tonne Kerosin werden 3,4 Tonnen Sauerstoff benötigt, dabei entstehen 1,25 Tonnen Wasserdampf sowie 3,15 Tonnen CO2).
Nicht an dem Trading-System teilnehmen werden vorerst die chinesischen Airlines. Ihnen ist es bis auf weiteres, ohne Erlaubis der Regierung, nicht gestattet die von der EU erhobene Emissionsabgabe zu zahlen. Ebenso ist es den Airlines Chinas verboten, Zuschläge auf die Ticketpreise wegen der EU-Emissionsabgabe zu verrechnen. Berechnungen der China Air Transport Association (CATA) zufolge dürfte der EU-Emissionshandel die chinesischen Gesellschaften im ersten Jahr etwa 120 Mio. US-Dollar kosten. Bis 2020 könnte sich dieser Aufwand verdreifachen.
Für eine Zuspitzung der Angelegenheit ist gesorgt: Airlines, die sich weigern am ETS teilzunehmen, müssen mit Strafzahlungen oder einem Zugangsverbot zu europäischen Flughäfen rechnen. Erst vor wenigen Tagen hatte Großbritannien betont, dass jedes Flugzeug einer Airline, die den britischen Luftraum benützt und sich dabei weigert, den Vorschriften des Europäischen Emissionshandels nachzukommen, gegroundet wird. Ebenso ist daran gedacht, Länder oder Fluggesellschaften, die sich weigern am EU-Emissionshandelssystem für die Luftfahrt teilzunehmen, mit einer erhöhten, in Großbritannien eingehobenen, Air Passenger Duty Tax zu belasten.
Neben China lehnen auch weitere Länder wie Indien, Russland und die USA die EU-Maßnahme ab, die ihrer Ansicht nach gegen internationales Recht verstößt. Deren Airlines heben dem Vernehmen nach aber seit Jahresbeginn entsprechende Zuschläge von den Passagieren ein.
Derzeit fliegen rund 4.000 der weltweit mehr als 6.100 Airlines Flughäfen innerhalb der EU an und sind damit vom Gesetz her in das ETS integriert. Für die 2013 benötigten European Aviation Allowances (EUAA) gelten die heuer gemessenen Emissionen als Basis.
CO2 Zertifikate und ihre Handelsplätze
Sollte bei den Airlines Minderdeckung mit EUAAs (European Aviation Allowances) vorliegen, besteht die Möglichkeit, bis zu 15 Prozent des Gesamtbedarfs der EUAAs über die Börsen zu erwerben (sie werden zur Zeit mit rund 8,20 Euro gehandelt). Darüber hinaus ist es erlaubt, bis zu einem bestimmten Anteil auf günstigere Zertifikate zurückzugreifen. Dabei handelt es sich um CER (Certified Emission Reduction; Emissionsgutschriften, die durch CDM-Klimaschutzprojekte erzeugt werden, Handelspreis derzeit 4,20 Euro), ERU (Emission Reduction Units, diese stammen aus JI/Joint Implementation Projekten rund um das Kyoto-Protokoll, diese werden derzeit um rund 4,40 Euro gehandelt) oder EUA (European Allowances, Zertifikate für die Industrie, Handelspreis derzeit 4,15 Euro).
Zu den wichtigsten Handelsplätzen für Emissionszertifikate zählen derzeit die CEB Commodity Exchange Bratislava, die ECX European Climate Exchange (London), Greenmarket Exchange (München), Climex (Niederlande), Green-Exchange (London), Bluenext (Paris) sowie die EEX European Energy Exchange (Leipzig).


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